Kalkofen Mord
Licht in die Geschehnisse brachte der in Süddeutschland wohnende Rudi Anke (geb. 1924), ein damaliges Opfer und Augenzeuge. Herr Anke weilte am 26.10.1993 in der Falkenauer Gemeindeverwaltung. Aus den eineinhalbstündigen Ausführungen des Herrn Anke, denen der Bürgermeister Herr Müller und Herr Wildner beiwohnten, kann aus der Mitschrift das Nachfolgende berichtet werden
Die Russen kommen!
Während des 2. Weltkrieges wurde Rudi, der Sohn des Hofbesitzers, obwohl er infolge eines Unfalls ein um 3 Zentimeter verkürztes linkes Bein besaß, zur Wehrmacht eingezogen. Wenige Wochen vor Kriegsende wurde die Einheit, bei der Rudi diente an den damaligen Frontbereich nach Mähren, in Marsch gesetzt. Einen damit verbundenen Kurzurlaub in Falkenau nutzte Rudi, um seinem Vater eine Pistole mit Patronen zu übergeben.
Im April/Mai 1945 bekam das Anke’sche Gut eine Panzersperrenbesetzung der Wehrmacht einquartiert, die offenbar die Zufahrt nach Augustusburg feindfrei halten sollte. Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation, erschienen das erste Mal sowjetrussische Soldaten mit zahlreichen Fahrzeugen und Pferden auf dem „Kalkofen“. Die Panzersperrenbesetzung hatte vor Eintreffen der Russen das Weite gesucht. Mutter Anke versorgte die Pferde der Russen, deren befehlshabender Offizier ihr beim Abzug mit den Worten „Du Matka gutt!“ dankte.
Inzwischen geriet Rudi, am 10. Mai 1945, im Raum Mährisch-Ostrau (Tschechoslowakei) in russische Gefangenschaft. Zusammen mit ca. 150.000 deutschen Kriegsgefangenen trat er den Weg ins KZ Auschwitz(!) an, aus welchem der mittlerweile an Ruhr Erkrankte im September 1945 nach Hause entlassen wurde. Nach wochenlanger Krankheit genas Rudi.
Am 27. Januar 1946, rund 9 Monate nach Kriegsende, drangen nachts zwei russische Soldaten gewaltsam in das Wohnhaus ein. Die aus dem Schlaf gerissene Familie wurde von einem „mongolischen“ Typen mit der Pistole in Schach gehalten, während der zweite Soldat plünderte. Die ständige Furcht vor der Wiederholung russischer Übergriffe auf das abgelegene Anwesen veranlasste Familie Anke, zu der jetzt auch die junge Ehefrau von Rudi gehörte, das Haus zu sichern. Wo es ging wurden die Fenster vergittert und die Türen mit starken Holzriegeln versehen. Doch diese Vorsichtsmaßnahmen sollten sich als zwecklos erweisen.
Was geschah am 11. März 1946?
Der 11.03.1946 war ein verregneter, nebliger Tag, die Schneeschmelze hatte gerade eingesetzt. Gegen 21:00 Uhr drangen erneut vier, mit Maschinenpistolen bewaffnete Russen, in das Anwesen ein. Hilde, die Ehefrau von Rudi konnte sich noch rechtzeitig in einem auf dem Heuboden vorbereiteten Versteck in Sicherheit bringen. Rudi glaubte in einem schlitzäugigen Soldaten den gleichen Gewalttäter wie vom ersten Überfall zu erkennen. Unter der unmittelbaren Gewalt der Eindringlinge befanden sich jetzt die Anke-Mutter, Rudi und ein etwa 10-jähriger Kuhjunge (Hütejunge für die Kühe). Der Anke-Vater war nicht zugegen; er hatte seinen Skatabend. Die Anwesenden wurden ins „Milchhaus“, dem Aufbewahrungsraum für Milch, Butter usw. gesperrt. Wenig später traf der Vater aus Richtung Falkenau kommend ein. Er wurde ebenfalls ins „Milchhaus“ gebracht. Ein Soldat holte nacheinander den Kuhjungen, Anke-Vater und Rudi ab, Schüsse peitschten auf. In der Küche sah Rudi ein getötetes, zerstückeltes Schwein liegen. Rudi wurde nun über den Hof zur Kellertür des Wirtschaftsgebäudes geführt, dabei hatte ein Russe den gekrümmten Zeigefinger am Abzug der Maschinenpistole. Im Angesicht des zu erwartenden Todes ahnte Rudi nun was geschehen würde, instinktiv duckte er sich und ließ sich die Kellertreppe hinabfallen. Noch im Fallen hörte er den Schuss und verspürte einen Schmerz am Hinterkopf. Neben sich vernahm er das Röcheln des sterbenden Vaters. Daraufhin schossen die Russen nochmals in den Keller. Rudi, der durch einen Streifschuss am Kopf verletzt war, stellte sich, als man seine Mutter in den Keller führte, leblos. Auch die Mutter wurde durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet. Nachdem sich die Russen verzogen hatten, schleppte sich Rudi ins Dorf.
In Müllers Gaststätte traf er auf zwei russische Offiziere, denen er das Verbrechen schilderte. Da sich die Offiziere lange beratschlagten und immer wieder nach der Bewaffnung der Soldaten fragten, entnahm er, dass die nur mit Pistolen bewaffneten Offiziere offenbar Angst hatten. Schließlich begaben sie sich mit Rudi, einem Hilfspolizisten und dem Arzt zum Tatort. In einem Winkel des Kellers fand man neben den beiden Toten auch den gefesselten aber unversehrten Kuhjungen. Ein von den Offizieren herbeigerufenes Überfallkommando der Roten Armee musste unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Die sowjetische Militäradministration und der Mantel des Schweigens
>Die Untersuchungen, die der Fall nach sich zog, brachten Rudi vor die Mordkommission nach Chemnitz und Dresden und schließlich zum Militärgerichtshof der sowjetischen Militäradministration (SMA) nach Leipzig. Gegenüberstellungen mit dingfest gemachten russischen Banditen, die im Raum Frankenberg – Hainichen – Döbeln Bauerngüter überfallen und Frauen vergewaltigt hatten, brachten nichts. Erst später stellte sich heraus, dass man in der Nähe von Zschopau vier russische Soldaten mit einem geschlachteten Schwein und weiteren Diebesgut, unter welchem sich auch ein um 3 Zentimeter erhöhter linker Stiefel befand, aufgegriffen hatte. Durch mysteriöse „Übermittlungsfehler“ kam es nicht zur Gegenüberstellung. Die Mordtat wurde nie aufgeklärt. Vermutungen, das der (sowjethörige) Bürgermeister von Falkenau[1] ein Interesse an der Verschleppung des Falles gehabt haben könnten, sind nichtbelegbar. In Falkenau wurde lange der Mantel des Schweigens über diese Untat gedeckt; denn wer wollte schon in einem sibirischen Straflager landen?
Nach dem grausigen Verbrechen wurde das Grundstück zeitweise von einem Hilfspolizisten bewacht. Auch ein massiver, unter Starkstrom stehender Zaun umgab eine Zeit lang das Anwesen.
Quellen und Hinweise
- DokuWiki-Quelle: `data/pages/kalkofen_mord.txt`
- Der Text wurde automatisch aus DokuWiki-Syntax in einen MediaWiki-Entwurf uebertragen und sollte vor der Veroeffentlichung redaktionell geprueft werden.
- ↑ wie sit der name des damaligen Bürgermeisters?